Neues aus Saulx-les-Chartreux

Unsere französische Partnerstadt Saulx-les-Chartreux investiert, ähnlich wie Panketal, viel in ihre Bildungsinfrastruktur. Auch hier werden neue Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen errichtet. Eine neue „Ecole Maternelle“ hat nun einen Namen bekommen.
Was ist eine Ecole Maternelle? Die Ecole Maternelle ist eine Vorschule, deren Besuch für Kinder ab einem Alter von 3 Jahren Pflicht in Frankreich ist.
Ihr Bildungsauftrag lautet: Integration in die Gesellschaft und Vorbereitung auf die Schule. Entsprechend den Altersstufen werden die Kinder nach einem
Stundenplan unterrichtet. Ihnen wird das Leben in der Gruppe, erste Schreibversuche, später auch Lesen und Schreiben vermittelt. Kommen die Kinder dann in die Grundschule, Ecole Primaire, besitzen sie bereits grundlegende Fertigkeiten im Lesen, Schreiben aber selbstverständlich auch kreative Fähigkeiten, wie Basteln, Malen, Singen.
Besonders beschäftigt hat sich die Gemeinschaft von Saulx-les-Chartreux in den letzten Wochen mit der Namensgebung der Ecole Maternelle. Die Bürgerinnen und Bürger unserer Partnerkommune am Pariser Stadtrand waren aufgerufen, aus drei Vorschlägen einen Namen für das neue Domizil der Jüngsten auszusuchen. In Frankreich ist es üblich, Einrichtungen nach herausragenden Persönlichkeiten zu benennen.
Den Teilnehmern einer Befragung standen die Namen von drei Frauen zur Auswahl:
Lucie Aubrac, geboren am 29. Juni 1912 in Paris als Lucie Bernard, eine bekannte Persönlichkeit des französischen Widerstands während des Zweiten Weltkriegs.
Simone Veil, geboren am 13. Juli 1927 in Nizza, ist Symbolfigur der Politik und der Frauenrechte in Frankreich und Überlebende des Holocaust. In Deutschland ist sie z.B. bekannt als Präsidentin
des ersten direkt gewählten Europäischen Parlamentes im Jahr 1979.
Ginette Kolinka, geboren am 04. Februar 1925 in Paris, ist eine Holocaust-Überlebende und eine französische Aktivistin für die Erinnerung an die Deportation.
Die Bürgerinnen und Bürger unserer Partnerstadt entschieden sich dafür, der Ecole Maternelle den Namen „Ginette Kolinka“ zu geben. Ginette Kolinka hat sich erst vierzig Jahre nach ihren schrecklichen Erlebnissen als Opfer des Holocaust dazu entschieden, ihr Leben, ihre Erfahrung
mit der jungen Generation zu teilen. Lange sprach Kolinka nicht über den Holocaust, da sie die Leute „nicht stören“ mochte.
Anfang der 2000er Jahre schloss sie sich jedoch einem Verein von ehemaligen Deportierten an. Seither berichtet sie französischen Schülern und Studenten von ihren Erlebnissen während des Holocaust. Im Aufbau-Verlag ist ihre Biographie „Rückkehr nach Birkenau – Wie ich überlebt habe“ erschienen. in einer Zeit, in der Intoleranz und Ausgrenzung auf dem Vormarsch scheinen, während Menschlichkeit und Miteinander wichtiger denn je sind, ist die Verleihung dieses Namens ein mutiges und richtiges Zeichen unserer Freunde in Saulx-les-Chartreux.

[Uwe Voß, Mitglied Europäischer Partnerschaftsverein Panketal e.V.]
